Berichte

Die Linke und die Verschwörungstheorien: Der Streit um die Einladung der Band “Die Bandbreite” zum CSD in Duisburg

Das SchwuBiLe-Alumni war am 13. November 2012 Veranstalter einer Diskussion zur Einladung und anschließenden Wiederausladung der Band “Die Bandbreite” auf dem diesjährigen Christopher-Street-Day (CSD) in Duisburg. Dieser CSD ist das alljährliche Straßenfest der Schwulen- und Lesbenbewegung. Im Vorfeld gab es die Diskussion, ob man die Band wegen ihrer homophoben und frauenfeindlichen Texte wieder ausladen muss. Dies geschah dann auch letztendlich. Nachdem bekannt war, dass das SchwuBiLe-Alumni eine Podiumsdiskussion zu diesem Thema veranstalten würde, gab es  sofort eine ganze Reihe Kommentare und “Beschwerden” – zum Beispiel auch darüber, warum wir (aus gutem Grund) kein Bandmitglied für das Podium eingeladen hatten. Soviel zur Hintergrund-Information. SchwuBiLe-Alumni-Mitglied Tim hat den Abend  im Duisburger Jazzkeller Djäzz zusammengefasst.

Zuerst war alles irgendwie ganz nett: Ich hielt mein kurzes Einführungsreferat, in dem ich betonte, dass man auch mal über Kulturschaffende reden können muss und nicht immer mit ihnen. Schon allein dies stieß bei den zahlreich erschienenen Anhänger_innen der Band auf heftigen Widerspruch. Der Bandleader “Wojna” unterbrach mich mehrfach. Dabei war es wirklich nicht leicht, jemanden zu finden, der die Band auf der Bühne vertreten wollte.  Fündig wurde ich bei Günther Bittel von der MLPD Duisburg. Nachdem ich meine Einführung gegeben und an die Moderatorin Gabriele Bischoff (Herausgeberin von “Wir Frauen – Das feministische Blatt”) übergeben hatte, rief sie zuerst den Unterstützer der Band aufs Podium. Dieser erzählte, dass er gekommen sei, um mit der “Hetze” gegen die Band aufzuräumen. Er halte diese Veranstaltung für ein “Tribunal” gegen die Musiker. Dieses kurze Statement führte zu tosendem Applaus bei den mobilisierten Anhänger_innen der Band. Der Journalist Marcus Meier (Neues Deutschland) erwiderte auf Bittel und holte dabei kräftig aus: Bittels Partei huldige zwei Massenmördern. Er meinte Mao und Stalin. Dies kam bei den Bandbreite-Fans eher weniger an und führte zu tumultartigen Zuständen. Worte wie “Giftspritzer” und “Schreibtischtäter” flogen durch den Raum. Als Meier den Auftritt der Band bei einer Veranstaltung zu den Bilderberger-Treffen in der Schweiz ansprach, bei dem zwei Nationalräte der rechtsradikalen Schweizer Volkspartei (SVP) redeten und zu dem die Junge SVP (der Jugendverband dieser faschistischen Partei, die in Deutschland mit der Pro-Bewegung verbandelt ist) mit einlud, lief die Stimmung völlig aus dem Ruder: “Lüge, Lüge”, schallte es fast wie in einem Sprechchor durch den Raum.

Die Moderatorin tat mir fast ein wenig leid: Sie wirkte ernstlich genervt und sagte: “Hier ist Schluss. Hiermit beende ich diese Veranstaltung.” Daraufhin kehrte wieder etwas Ruhe in den Saal ein und das Hohngelächter verstummte. Nun erhielt der Bandleader die Möglichkeit, Stellung zu beziehen. Ruhig und mit geschulter Stimme sagte er, dass es ihm auch schwerfalle, die Anschuldigungen über sich ergehen zu lassen. Wojna hatte nun seinen Auftritt. Monica Brauer von der Kampagne “Anders und gleich – Nur Respekt wirkt!” konnte nicht ertragen, dass dem charismatischen Führer hier die Möglichkeit gegeben wurde sich selbst dazustellen und klinkte sich für kurze  Zeit vom Podium aus.

Wer eine ernsthafte Diskussion versuchte, war Frank Laubenburg von der Landesarbeitsgemeinschaft DIE LINKE.queer NRW. Er trug ein paar Zeilen aus dem Bandbreite-Stück “Kein Sex mit Nazis” vor:

Der Führer Adolf Hitler war homosexuell 
Und deshalb trieb er es mit Rudolf Hess in ei'm Hotel. 
Doch viel zu oft war Rudi in Europa unterwegs 
Und dat ging dem geilen Adi ja ma tierisch auf'n Keks. 

Was die Band hier mache, sei, die faschistische Gesinnung mit der möglichen Homosexualität Hitlers zu begründen. Er fragte: “Ist das eine linke Analyse?” und gibt sich auch gleich selbst die Antwort: “Nein, das ist antiaufklärerisch.” Laubenburg war bereits im Vorfeld des CSDs der schärfste Kritiker der Band und hat als Sprecher der LAG Queer eine Pressemitteilung herausgegeben. Laubenburg betonte, dass es ihm egal sei, wie Wojna als Privatmensch sei. Es ginge hier um die Bewertung eines künstlerischen Produkts: “Und da kann man schon Frauenfeindlichkeit und Homophobie hineininterpretieren.”

Monica Brauer schloss sich an und sagte, dass sie sich als Leiterin der Kampagne gegen Homophobie die Texte der Band angeschaut habe. Man könne einige Lieder wirklich nur frauenfeindlich verstehen. Den Einwand, dass dies Frühwerke der Band seinen und diese in der “Sturm-und-Drang-Zeit” entstanden seien, entkräftete sie dadurch, dass diese Lieder ja immer noch käuflich zu erwerben seien. Aber vielleicht ist es ja so, und das ist jetzt die Meinung des Autors, dass die Band eben gerade polarisieren möchte, um ihre Verkaufszahlen zu erhöhen.

Auf dem Podium entstand in der Folge eine Diskussion zwischen Meier und Bittel. Sie stritten sich – begleitet durch einige Zwischenrufe von Bandbreite-Fans – über Faschismustheorien. Offensichtlich auch persönlich angenervt durch die Störer_innen verließ Meier die Veranstaltung und wendete sich an jemanden aus dem Publikum: “Du warst 96 schon scheiße!” An diesem Abend wurde er nicht mehr gesehen.

Eigentlich hätten wir die Veranstaltung an diesem Punkt beenden sollen. Es geht nicht an, dass die Gäste im Publikum einen Diskutanten vom Podium jagen. Aber wir haben die Veranstaltung nicht beendet.

Der Bandleader kam noch in paar mal zu Wort und erklärte uns seine Welt: Selbstverständlich trete er auf Veranstaltungen von Bürgerlichen auf. Er bekomme von dem Publikum auch immer Applaus für seine Sprüche gegen Nazis. Er stehe für eine breite Zusammenarbeit von Menschen, die sich für eine gerechte Welt einsetzen.

Die Moderatorin bezeichnete die Veranstaltung hinterher als die “wohl überflüssigste in der Veranstaltungsreihe Queer Life Duisburg“. Eigentlich muss ich ihr hier Recht geben. Der Bandleader, der sich stets als Diskutant aufgedrängt hat, blieb uns die Antwort schuldig, was denn nun der progressive Charakter seiner Musik sei. Von seinen Anhängern wurde stets die Reinhaltung der Idee betrieben. Es ging nicht um Inklusion von Nebenwidersprüchen wie Homophobie und Frauenfeindlichkeit, sondern lediglich um die Exklusion störender Elemente. Dies bewerkstelligte der charismatische Bandleader mit mobilisierten Fans, die kritische Fragen stets mit Gelächter und “Stadiongebrüll” kommentiert hatten. So entstand kein Dialog. Was hier angewendet worden ist, sind keine linken Methoden. Es ist die Methodik des bürgerlichen Pöbels, mit der sich die Band verteidigt.