150 Jahre „Vorwärts“: Als Sozis schwule Geschichte schrieben

Eine historische Zeitreise von 1876 bis 1940

Vor 150 Jahren, am 1. Oktober 1876, erschien zum ersten Mal der „Vorwärts“ – die Zeitung der deutschen Sozialdemokratie. Heute sind die Ausgaben bis 1940 digital recherchierbar. Erwin In het Panhuis hat sie systematisch ausgewertet und dabei mehr als 1.000 Artikel gefunden, in denen Homosexualität eine Rolle spielt.

Titel der Erstausgabe der Zeitschrift „Vorwärts“ vom 1. Oktober 1876; Screenshot aus dem Online-Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung
Titel der Erstausgabe der Zeitschrift „Vorwärts“ vom 1. Oktober 1876; Screenshot aus dem Online-Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung

In dieser Gesamtheit zeigt sich ein erstaunlich widersprüchliches Bild: Der „Vorwärts“ berichtete über die Homosexuellenbewegung und den § 175, unterstützte die öffentliche Debatte über Magnus Hirschfeld – und machte zugleich die Homosexualität politischer Gegner zum Gegenstand von Kampagnen.
Ein besonders aufsehenerregendes Beispiel ist der Artikel „Krupp auf Capri“ vom 15. November 1902. Darin berichtete der Vorwärts über die mutmaßlichen sexuellen Kontakte des Industriellen Friedrich Alfred Krupp zu jungen Männern. Der Artikel löste einen weitreichenden Skandal aus. Magnus Hirschfeld, der 1897 mit dem Wissenschaftlich humanitären Komitee die erste Interessenvertretung für Homosexuelle gegründet hatte, griff in die Debatte ein und argumentierte gegen den § 175. Zugleich distanzierte er sich von der Art, wie der „Vorwärts“ den Skandal öffentlich machte.
Auch später blieb das Verhältnis widersprüchlich. Über lange Zeit wandte sich die Zeitung gegen die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Männer. Ab 1931 beteiligte sie sich jedoch an der Kampagne gegen den homosexuellen SA-Führer Ernst Röhm. Berichte und Karikaturen über Röhm und andere homosexuelle Nationalsozialisten trugen dazu bei, das Stereotyp vom „schwulen Nazi“ zu verbreiten.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 musste die Redaktion des „Vorwärts“ ins Exil. Als „Neuer Vorwärts“ erschien die Zeitung bis 1940 weiter. Doch auch hier bleiben Fragen: Warum thematisierte die Redaktion nicht stärker, dass Magnus Hirschfeld nach seiner Forschungsreise 1930 nicht nach Deutschland zurückkehrte? Und warum erschien nach seinem Tod 1935 kein Nachruf?

Erwin In het Panhuis zeigt, wie die SPD-Zeitung über Homosexualität, die Homosexuellenbewegung und den § 175 berichtete, welche Widersprüche dabei sichtbar werden und wo die Berichterstattung blinde Flecken erkennen lässt.

26. November 2026, 19:00 Uhr

VHS Duisburg, Saal EG, Steinsche Gasse 26, 47051 Duisburg
(in Kooperation mit der Regionalgruppe Ruhrgebiet des Bundes Lesbischer und Schwuler JournalistInnen)
Eintritt: frei